Think positive! ODER Muss das sein?

Ja, ich bin ein positiver Mensch. Es entspricht meiner persönlichen Erfahrung, dass sich eine positive Grundeinstellung in angenehmer Weise auf mein Leben auswirkt.
Schon vor langer Zeit habe ich mir deshalb angewöhnt, mich bereits morgens im Bett mit schönen Gedanken auf den kommenden Tag einzustimmen. Ich bin dann voller Wertschätzung und Dankbarkeit für alles in meinem Leben.
Danach entwirre ich mich aus den wohligen Umarmungen meines Mannes und meiner Bettdecke und stehe auf.
Am Fuß der Treppe empfängt mich freudig der weltbeste Hund. Der andere weltbeste Hund liegt meistens noch dösend in seinem Korb, gibt aber schon Grunzlaute von sich.
Ich begrüße beide, danach gehe ich in die Küche. Dort mache ich als erstes Klassikradio an, morgens mein liebster Sender.
Ich schalte den Herd ein, auf dem ich am Vorabend das Porridge vorbereitet habe, und bringe die Kaffeemaschine dazu aufzuheizen.
Dann richte ich die Tasche für meinen Mann, rühre immer wieder das Porridge um, fülle die Näpfe für die Hunde.
Nebenbei höre ich Radio. Ich ertrage dann auch meist tapfer die Werbung.
Das Leben ist schön.

Nach diesen intimen Einblicken in meine alltägliche Morgenroutine könnte ich mich jetzt eigentlich verabschieden und meine geneigten Leser in ihren Tag entlassen, doch es gibt noch etwas zu erzählen.
Denn gestern erstarrte ich.
Kurz vor halb acht zerhackte plötzlich folgende Frage mein wunderbares Lebensgefühl,  und es half auch nicht, dass die Sprecherin eine Frau des Typs mütterliche Freundin war:

»Sie haben einen künstlichen Darmausgang oder sind von Inkontinenz betroffen?«

Wie bitte? Ich war sicher, dass ich mich verhört haben musste.
Der Sender – mein Lieblingssender seit 25 Jahren! – lässt doch nicht zu, dass seinen Hörern so eine Frage gestellt wird! Ich lachte.
Doch.
Er lässt das offenbar doch zu, wie in diesem Werbespot weiterhin zu hören war.

Bei allem Verständnis dafür, dass es kranke, benachteiligte, gebrechliche Menschen gibt, die wirklich zu bedauern sind …
Muss man deshalb alle Menschen so ansprechen als wären sie krank, benachteiligt und gebrechlich?
Muss man diese bedrohlichen, unschönen Gedanken schon sein Leben lang denken bzw. eingetrichtert bekommen?
Und muss man sich von dieser düsteren Lebensaussicht begleiten lassen wie von einem schwingenden Damoklesschwert, so, als wäre das für jedermann unausweichlich?
Falls, ja, falls diese Zustände auf einen zukommen, ist es dann nicht früh genug, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen?

Und bei allem Verständnis für einen privaten Radiosender, der auf Werbeeinnahmen angewiesen ist, und eigentlich ein entspanntes, positives Lebensgefühl vermitteln möchte …
Hat ein Sender aus o.g. Gründen keinen Einfluss darauf, was er seinen Hörern schon zum Frühstück serviert?
Ich finde er hat dafür sogar Verantwortung.

Natürlich weiß ich, dass auch das Vorabendprogramm im Fernsehen angefüllt ist mit sog. »Best-Ager-Werbung«, weshalb ich um diese Zeit niemals fernsehe, aber das macht die Sache auch nicht besser.

Bin ich zu sensibel für diese Welt? Wahrscheinlich, aber das halte ich für mein größtes Kapital in einer immer unsensibler und tabuloser werdenden Gesellschaft.

Bleibt positiv und lasst Euch durch nichts hinunterziehen!

Sybille, die seit gestern einen anderen Sender hört. Leider.

gib_jedem_tag_die_chance

Dieser Satz ist von Mark Twain. 🙂

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