Verheizt

Habe gerade im Radio die Meldung gehört, dass heute der Prozess gegen einen 93-Jährigen früheren SS-Mann beginnt. Ich möchte hier mit keinem Wort auf das eingehen, was dem Mann vorgeworfen wird. Es steht völlig außer Frage, dass einem ganzen Volk Verheerendes angetan wurde. Und genau so außer Frage steht auch das berechtigte Bedürfnis der Opfer und ihrer Angehörigen nach Gerechtigkeit und Genugtuung.

Heute Morgen, noch im Halbschlaf, bin ich über die Zahlen in diesem Bericht gestolpert. Wobei es mir nicht darum geht, dass sich ein Mensch in diesem hohen Alter für ein Verbrechen verantworten muss. Warum auch nicht?

Die Vorstellung, die mir ziemlich zu denken gibt, ist die Tatsache, dass dieser Mann bei Kriegsbeginn erst 17 Jahre alt war – in der Pubertät – und bei Kriegsende gerade mal 23 Jahre. In der Zeit, für die er sich verantworten muss, war er 20 – 22 Jahre alt. Ich habe kein Problem mit seinem Alter, sondern mit seiner Jugend.

Ich möchte hier niemanden in Schutz nehmen. Meine Betrachtung ist politisch nicht einmal angehaucht. Ich betrachte die Angelegenheit nur als Mutter von drei Kindern, mit denen ich diese Phase erlebt habe. Und als Mensch, der selbst einmal 17 war.

Auch wenn politische Strömungen in meiner Familie nie eine Rolle spielten: Wie gefestigt und vorausschauend ist man denn bitte in diesem Alter?

Man steckt voller Idealismus, hat Flausen im Kopf, wahnsinnig tolle Ideen, die schon am nächsten Tag ihre Bedeutung verloren haben können.

Andererseits ist man in sich selbst unsicher, kann das mehr oder weniger gut überspielen. Man ist deshalb besonders empfänglich für Strukturen, die plausibel klingen und Halt versprechen. Und an dieser Stelle gewinnt der Teufelskreis mit den wahnsinnig tollen Ideen an Fahrt.

In dieser Sturm- und Drangzeit steckt ein unglaubliches Energiepotenzial, mit dem sich Projekte und Vorhaben mit Leichtigkeit vorantreiben lassen. Man kann von Glück sagen, wenn man in dieser labilen Lebensphase Resonanz zu den »richtigen« Dingen hatte oder nicht in der »falschen« Zeit lebte.

Auch wenn ich nie ein politischer Mensch war, sondern immer ein künstlerischer Schöngeist mit einer großen Liebe für Musik, Malerei und Sprache – ich würde mich heute ungern für meine Überzeugungen in der Jugend rechtfertigen müssen.

Jugendstilbaum

2 Gedanken zu “Verheizt

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