Empathie ODER Darf man alles tun, was man tun kann?

Gewalt lähmt mich und macht mich sprachlos. Deshalb war mein letzter Blog-Eintrag zum Thema „Je suis Charlie“ für meine Verhältnisse sehr kurz ausgefallen:

„Jeder, der schreibt, zeigt die Dinge der Welt durch seine Augen. Schließlich gibt es durch unser aller Individualität auch so etwas wie WAHRNEHMUNGSFREiHEIT! Und: Die Gedanken SIND frei und müssen es auch bleiben dürfen!“

Zum ersten Mal habe ich von diesem Attentat gehört, als ich vor dem Fernseher saß. Es wurden Bilder gezeigt von den ermordeten Journalisten und von ihren Islam-Karikaturen. Spontan entwich mir der Satz: „Na, die haben das auch ganz schön provoziert!“

Im zweiten Moment war ich über meine Reaktion erschrocken. Immerhin sind dort 12 Menschen ermordet worden, die nur ihren Beruf ausgeübt haben. Sie standen für die Presse- und Meinungsfreiheit in der demokratischen Welt.

Inzwischen hat sich meine Schockstarre etwas gelöst und ich kann nun klarer in mich hineinfühlen. Eine Woche nach den Ereignissen kann ich sagen: Die Wahrheit ist, ich kann an diesem schrecklichen Kapitel Geschichte REIN GAR NICHTS verstehen.

Ich verstehe weder, warum man seinen Glauben derart nach außen leben muss, dass man nur noch darauf reduziert wird, noch, warum man einen Beruf ausüben möchte, in dem es darum geht, den Finger – am besten gleich die ganze Hand! – in die Wunden anderer Menschen zu legen, um diese zu provozieren oder zu verletzen.

Mein Glaube ist meine höchstpersönliche Angelegenheit. Er ist Teil meiner Art und Weise, mein Leben zu leben und meine Mitmenschen zu behandeln. Er hat Einfluss auf mein Verhalten. Aber ich bin nicht mein Glaube. Er ist nur ein Teil von mir. Ein Teil, den ich nicht zu Markte trage, oder an den Pranger stelle, damit andere sich darüber auslassen. Ich diskutiere ihn auch nicht.

Für mich sind sämtliche Religionen die Annäherung an Gott aus verschiedenen Lebenssituationen und Perspektiven heraus. Womit wir wieder beim Thema „Individualität und Wahrnehmungsfreiheit“ wären. Ich bin mir dennoch sicher, dass alle denselben Gott meinen. Eigentlich ist es ganz einfach.

Der nächste Punkt ist schon schwieriger.

Darf ich alles tun, was ich möchte, nur weil ich es kann oder es mir meine berufliche Stellung erlaubt?

Im Fall Charlie Hebdo:

Darf ich bewusst Menschen für ihren Glauben provozieren und dabei in Kauf nehmen, dass ich sie damit verletze?

Darf ich Menschen gezielt in einem Massaker hinrichten, weil sie mich durch ihr Tun absichtlich verletzt haben?

Ich würde diese beiden letzten Gewissensfragen mit NEIN beantworten. Aber ich bin froh, dass ich sie nicht beantworten muss, da ich weder Satiriker noch potenzieller Attentäter bin.

Aber wenigstens die erste Frage kann ich für mich eindeutig beantworten:

Ja, ich darf machen, was ich möchte und kann – solange ich damit nicht Übergriffe auf die Würde oder das Leben eines Lebewesens verübe. Und damit bin ich selbst auch gemeint. Auch mich selbst habe ich vor Übergriffen zu schützen.

Wann und wo wird Würde verletzt? Auch da gehen die Meinungen und Empfindungen auseinander. Sprich: Das ist etwas, das jeder mit seinem Gewissen vereinbaren muss. In der Vergangenheit gab es einige Situationen, die mir persönlich gegen den Strich gingen, von meinen Mitmenschen dagegen frenetisch bejubelt wurden:

„Körperwelten“ – Als Mutter von (damals) drei kleinen Kindern konnte ich mir keine tote, aufgeschnittene Hochschwangere ansehen, auch wenn diese mit ihrem Einverständnis ausgestellt war.

Die Babyfotos von Anne Geddes – Zuckersüß und millionenfach verkauft. Aber nicht an mich! Für mein Empfinden gehörten (und das tun sie immer noch!) Neugeborene nicht stundenlang in ein gleißend helles Fotostudio, wo sie zurechtgemacht und hindrapiert werden, sondern eher in den schützenden Raum eines Tragetuchs. Auch wenn die Mütter noch so begeistert waren! Für mich fühlte sich das immer verkehrt an. Wie eine Form von Missbrauch, weil sich die Babys nicht dagegen wehren konnten.

Auch finde ich, dass es zwar in Ordnung ist, Ultraschall einzusetzen, um eine Schwangerschaft festzustellen etc.. Aber einen Embryo oder ein ungeborenes Kind bis in die letzte Pore und Wimper hochaufgelöst fürs Familienalbum abzulichten – ohne medizinische Notwendigkeit – geht mir zu weit. (Zu weiteren Dingen, die den medizinischen „Fortschritt“ betreffen, werde ich mich hier nicht weiter auslassen.)

Gerade fällt mir auf, dass die letzten Punkte alle etwas mit dem Thema „Baby“ zu tun hatten … 🙂 Ähnlich wie mein Glaube, ist auch mein Muttersein zu einem Teil meines Lebens geworden. Es hat mich ungemein geprägt und meinen Sinn für Verantwortung und Empathie geschärft.

Aber man muss sich trauen, Mitgefühl zu haben – mit sich und anderen! Selbst wenn das bedeutet, dass man allein gegen den Strom schwimmen muss.

Asterix in Trauer

Ein weiterer interessanter Blog-Artikel zum Thema, geschrieben von einem Blogger, den ich sehr schätze:

https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/12/18/jetzt-kommt-mal-wieder-runter-und-zeigt-dass-das-netz-mehr-kann-als-hame-verbreiten/#comment-342

5 Gedanken zu “Empathie ODER Darf man alles tun, was man tun kann?

  1. Liebe Sybille, ich sehe das so wie Du. Sich ein wenig auf sein Gewissen zu berufen und sich selbst mal fragen „Darf ich das?“ und darüber nachdenken, warum ich mir diese Frage in diesem Augenblick stelle, kann so einiges verhindern. Darauf habe ich meinen Blog-Artikel „Ich bin nicht Charlie“ ( http://blog.marcussammet.de/ich-bin-nicht-charlie/ )aufgebaut. Meinungsfreiheit muss sein. Religionsfreiheit ebenfalls.
    Liebe Grüße
    Marcus

  2. Herzlichen Dank für diesen offenen und reflektierenden Beitrag.

    Die Ereignisse der vergangenen Woche machten auch mich wie wohl die meisten fassungslos. Und sie warfen viele Fragen auf, über die ich noch einige Zeit grübeln werde. Es gab einiges, was ich in den Netzwerken kommentiert habe, das um das Thema Empathie kreiste. So zu Beginn gleich das grauenvolle Video über den Polizistenmord, das ich sehr früh gesehen habe.

    (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/video-charlie-hebdo-paris) Mein Kommentar zum Bekenntnis von Jordi Mir, der das Video machte, postete und später den Post bereute:

    Zu einer klaren Meinung über die Verbreitung des Videos kann ich mich auch Tage danach noch nicht durchringen. Ich war durch diese Bilder stundenlang fassungslos. Man muss es sicher nicht gesehen haben, um betroffen zu sein. Dennoch empfand ich den „Stich des Entsetzens“ unmittelbarer als es jede Nachricht möglich macht. Und dann kam der wohl bei mir naive Gedanke auf, dass so etwas Schockierendes vielleicht gleichgültigere oder gar Gewalt tolerierende Menschen nachdenklich machen könnte. Gedanklich völlig ausgeklammert hatte ich den sicher wichtigsten Grund, so ein Film nicht öffentlich zu machen: die Angehörigen, die dies nun zusätzlich ertragen müssen. Dafür schäme ich mich im Nachhinein. Aufgrund meiner eigenen Ambivalenz habe ich volles Verständnis für Jordi Mir und Respekt, dass er dies im Nachhinein auch selbstkritisch hinterfragt.

    Ein anderer Aspekt war für mich der stetige Reflex, wie Du ihn ehrlich bei Dir auch beschreibst, die Tat zu relativeren, im Sinne dessen, dass so etwas von so etwas kommt. Hier hatte ich jedoch für mich von Beginn an eine klare Ansicht, die sich mit der Zeit bei mir auch erhärtete:

    Mir geht jegliches Verständnis und Verstehen wollen ab. Hier wurde eiskalt geplant, gemeuchelt, gelyncht und auch noch völlig Unbeteiligte (Supermarkt) hingerichtet. Hier gibt es nichts zu relativieren. Und selbst wenn einer öffentlich auf den Koran pinkelt oder weiß Allah noch macht, such ich nicht bei solchen Tätern nach entlastenden Motiven. Wenn jemand im Affekt tötet, kann man das noch, aber hier nicht.

    Zwei Gedanken sind mir zu den Ereignissen noch wert gewesen, zu notieren:

    „Meinungsfreiheit ist nicht Narrenfreiheit. Doch der Umgang mit letzterem zeigt, wie frei und nachsichtig eine Gesellschaft ist.“

    und:

    “Freiheit ist uns nicht von Gott gegeben. Und ich lass sie mir auch von keinem Gott mehr nehmen.“

    In Fragen des Glaubens und dessen Behandlung in der Öffentlichkeit bin ich ja deutlich kritischer und habe dazu ja auch schon geschrieben. (https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/09/08/fsk-18-fur-den-glauben-an-gott/) Deshalb habe ich auch viel Sympathie für alle, die bei Religionen (wie auch bei allen anderen Ideologien) ganz tief mit ihren Fingern in den Wunden bohren.

    • Danke für diesen ausführlichen und sensiblen Kommentar, Thomas!
      Besonders gut gefallen hat mir „Meinungsfreiheit ist nicht Narrenfreiheit. Doch der Umgang mit letzterem zeigt, wie frei und nachsichtig eine Gesellschaft ist.“
      Chapeau!
      Diese erwähnte Narrenfreiheit geht für mich Hand in Hand mit dem Verfall von Werten, der das Gegenteil von Wertschätzung ist.
      Ein herzlicher Gruß!
      Sybille

  3. Liebe Sybille,

    daß man im Namen der Religion Morde verübt, kann nicht gutgeheißen werden. Es gibt andere Mittel, um sich gegen Sachen, die man nicht akzeptiert, zu wehren. Religion hat im Laufe der Geschichte für vieles herhalten müssen. Das ist leider auch heute noch so. Im Namen der Religion gibt es viel Unrecht und Tod.
    Nach meiner Meinung darf jeder sich frei für seine Religion entscheiden. Wenn Gewalt im Spiel ist, hat das nur noch wenig mit Gott, mit Glauben zu tun.
    Auf der anderen Seite verstehe ich, wenn Leute durch Satire provoziert werden oder sich provoziert fühlen. Wie weit darf man gehen? Auf der Seite der Satiriker, auf der Seite der „Glaubenden“?
    Religion ist nicht frei, wenn sie mißbraucht wird.
    Jeder darf sich seine eigene Meinung bilden. Das ist gut so.
    Aber wir Menschen dürfen nicht machen, was wir wollen. Wir sind keine Tiere. Wir können denken. Aber mir scheint, daß viele nicht mehr richtig nachdenken, sondern einfach einer Richtung, einer Welle, nachlaufen.
    Mensch – Besinne Dich auf das MenschLICH-Sein!

    Viele Grüße
    Annegret

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