Einstimmung auf die Wies’n

Für alle, die es nicht mehr erwarten können, bis Übermorgen die Wies’n anfängt, spendiere ich eine Leseprobe meiner Kurzgeschichte „Gebrannte Mandeln“, die auf dem Münchener Oktoberfest spielt.
Ich wünsche „Gutes Einstimmen“! 🙂

Schon seit jeher hatte ich den Duft von gebrannten Mandeln geliebt. Diese verheißungsvolle, süße Verlockung aus Karamell, Vanille und Zimt betörte meine Sinne jedes Mal aufs Neue und löste wahre Glücksgefühle in mir aus.
Wie auch an dem Tag, an dem ich mit meinen beiden Kindern und meiner Freundin Lissy spontan in die Innenstadt von München fuhr, um das Oktoberfest zu besuchen. Mein Mann Robert war als freiberuflicher Fotograf immer sehr viel unterwegs. Er wollte für diesen alljährlichen Familienausflug eigentlich längst wieder aus Kalifornien zurückgekehrt sein. Wie schon so oft hatte er es aber nicht geschafft, rechtzeitig mit seinen Aufträgen fertig zu werden. Besonders unsere Jüngste, Marie mit ihren sieben Jahren, war darüber sehr enttäuscht.

Wir waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Landkreis gekommen und hatten uns gerade durch die Menschenmassen am U-Bahnsteig Theresienwiese gekämpft. Endlich hatten wir wieder den freien Himmel über uns – und richtiges Glück mit dem Wetter. Das Licht leuchtete mild und golden, wie man es hier nur im Spätsommer oder Frühherbst erleben kann.
Um dem erdrückenden Besucherstrom auszuweichen, bewegten wir uns vorwiegend durch die wesentlich ruhigeren Seitengassen. Unser Ziel war die Oide Wies’n, der traditionelle Teil des Oktoberfestes, der noch nicht zum Ballermann verkommen war. Dort sollte es angeblich weniger überlaufen sein, aber allein der Weg dorthin war bereits brechend voll.
Eine etwa 50-köpfige Gruppe japanischer Touristen hatte sich uns von hinten genähert und umhüllte uns kurzzeitig wie ein gewaltiger Fischschwarm, bevor dieser uns an dessen Ende wieder ausspuckte. Sie alle waren in Pseudo-Tracht gekleidet, wie man sie vorwiegend in der Nähe des Hauptbahnhofs und touristischer Sehenswürdigkeiten zu kaufen bekam: jene Art von billigsten Wegwerf-Dirndln und Einmal–Lederhosen, wie Lissy und ich diesen textilen Abklatsch unserer einstigen Kultur zu nennen pflegten. Doch sicher würden wir uns in Japan auch nicht anders verhalten, wenn es darum ginge, dort ein einziges Mal ein Fest mitzufeiern.

Ein bestimmter, verführerischer Duft stieg mir in die Nase und hypnotisierte mich regelrecht. Ich führte unsere kleine Gruppe ohne weitere Umwege zu dessen Quelle: eine winzige Bretterbude, in der Zuckerwatte und alle möglichen Sorten von gebrannten Nüssen hergestellt und verkauft wurden. Lissy, Marie und David bestellten jeder einen riesigen Ballen Zuckerwatte, in die sie sogleich ihre strahlenden Gesichter versenkten. In meine Hand schmiegte sich nur eine warme kleine Tüte mit Mandeln, überzogen mit jener bräunlich rosafarbenen Zuckerkruste, die mir wie eh und je vorzüglich schmeckten. Jede einzelne war mir eine Kostbarkeit. Der Ausflug hatte sich für mich jetzt schon gelohnt.

Eingebettet in den Besucherstrom bewegten wir uns mit kleinen Schritten voran.
»Löööööwennnbrooooiii!«, dröhnte plötzlich das alte Wahrzeichen einer Münchner Brauerei vom Giebel eines Bierzelts aus. Das wollten die Kinder unbedingt noch einmal hören. Wir blieben eine Weile etwas abseits stehen und warteten, bis der riesige braune Löwe, der sich seit meiner Kindheit äußerlich nicht verändert hatte, einen Bierkrug hochhob und ihn sich noch einmal brüllend ans Maul führte.
Als sich beim Weitergehen eine klebrige kleine Hand in meine schob, bemerkte ich erst, dass die Zuckerwatte auch in Maries Gesicht deutliche Spuren hinterlassen hatte. Zur Feier des Tages trug sie ihr neues dunkelblaues Dirndl und dazu eine blaugrüngemusterte Schürze. Mit der altmodischen Zopffrisur, die sie sich von Lissy zuhause noch schnell hatte zaubern lassen, sah sie einfach zum Anbeißen aus! Ich lachte:
»Wenn Ihr fertig seid mit diesem Klebzeug, stelle ich Euch am Besten mal alle unter die Dusche! Das würde sich wirklich lohnen!« Kurz darauf standen wir zum Händewaschen in der Schlange an einer der zahlreichen Toilettenanlagen und warteten darauf, wie die Schafe durch die engen Gänge dort getrieben zu werden. Auf der Rückseite fanden wir uns wieder zusammen und stürzten uns erneut ins Getümmel.

Weiterlesen?
http://www.amazon.de/Gebrannte-Mandeln-Shorties-Sybille-Kolar-ebook/dp/B00JS276EO/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1411031063&sr=8-1&keywords=sybille+kolarCover Gebrannte Mandeln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s