Hommage für einen ehrlichen Finder ODER Gestern Abend in der „Fischer-Vroni“ …

Den gestrigen Abend haben mein Mann und ich im Kreise seiner Arbeitskollegen auf dem Münchener Oktoberfest verbracht, genauer gesagt in der „Fischer-Vroni“.
Gegen 22.30 Uhr sind wir beide aufgebrochen, da wir noch einen weiteren Heimweg vor uns hatten und außerdem die letzte Abendrunde mit unseren Hunden noch zu drehen war. Die Kollegen wollten noch ein bisschen bleiben.
Wir verließen das Festzelt, das sich nahe des U-Bahnhofs befand, und stiegen auf dem restlos überfüllten Bahnsteig einfach in die nächste Bahn ein. An der nächsten Station stiegen wir wieder aus und durchquerten mit zügigen Schritten den kompletten Hauptbahnhof, um zu unserer regionalen S-Bahn zu gelangen.
Als wir endlich in der richtigen Bahn saßen, die uns nach Hause bringen sollte, bemerkte ich erst, wie warm mir durch diese Rennerei geworden war. So zog ich meinen Lodenumhang und die Trachtenjacke aus und legte sie auf die uns gegenüberliegenden freien Sitzplätze. Beim Blick auf meinen linken Arm traf mich fast der Schlag:
Meine Armbanduhr war weg!
Hektisch sprang ich wieder auf und schüttelte an den abgelegten Kleidungsstücken, in der Hoffnung, dass sie sich darin verfangen hätte. Natürlich ohne Erfolg.
Ich starrte auf mein leeres Handgelenk und meine Augen füllten sich mit Tränen, denn das war nicht irgendeine Uhr. Sie war ein Familienerbstück. Die Großmutter meines Mannes hatte sie schon getragen und vor einiger Zeit bekam ich sie von meiner sehr lieben Schwiegermutter geschenkt. Dieses wunderschöne, schlichte Schmuckstück hatte ein mechanisches Laufwerk (ich kann Quarzuhren nicht ausstehen!) und war auch noch aus reinem Rotgold.
Ich dachte mir, dass das eigentlich nur beim Anziehen und Gehen passiert sein konnte.
Sofort versuchten wir, die Kollegen meines Mannes über Handy zu erreichen. Wegen der Lautstärke im Bierzelt hatten wir jedoch nicht viel Hoffnung, gehört zu werden. Der 2. Teilnehmer ging an sein Telefon. Sie waren alle noch vor Ort. Halleluja!
Mit knappen Worten schilderte ich die Lage. Der freundliche Kollege machte sich sofort auf die Suche und versprach, gleich zurückzurufen.

Viel Hoffnung hatten wir nicht. Wer würde so eine Uhr abgeben?! Vielleicht würde sie auch erst nachts von der Straßenreinigung gefunden werden, nachdem die Heerscharen der letzten Wies’n-Besucher darüber getrampelt wären – oder gleich im Müll verschwinden. Außerdem konnte sie so gut wie überall verschwunden sein – zwischen unserem Tisch im Bierzelt und dem S-Bahnsteig. Es war eigentlich aussichtslos!
Als mir erneut die Tränen kamen, sagte mein Mann zu mir: „Hake es ab! Du kannst es nicht mehr ändern. Die ist weg.“
Es vergingen ein paar Minuten, dann klingelte das Telefon, der Kollege war dran:
„Die Uhr ist gefunden!“
Ein Herr vom Security-Service hatte sie im Eingangsbereich entdeckt und an sich genommen. Daraufhin hatte er die umliegenden Sitzbereiche abgeklappert, mit der Frage, ob jemand etwas vermisst! Irgendwann war er dann auf den Kollegen gestoßen …

Dieser wunderbare Mensch weiß nicht, wie viel mir das bedeutet, was er da getan hat. Natürlich freue ich mich wahnsinnig darüber, dass ich meine geliebte Armbanduhr zurückbekomme, aber das ist längst nicht alles. Das ganz Besondere daran ist dieses unbeschreibliche Gefühl, das sich einstellt, weil ein wildfremder Mensch dafür gesorgt hat, dass Du ein Wunder erlebst. Dieser Moment, in dem Du ganz deutlich spürst, dass der göttliche Funke in jedem Menschen glimmt. Und jeder von uns hat in jedem Augenblick seines Lebens die Wahl, seinen Mitmenschen zu einem Wunder – oder wenigstens zu einer Freude – zu verhelfen.

Natürlich musste ich die Uhr erst einwandfrei beschreiben, bevor sie dann den Kollegen ausgehändigt wurde. Ich hatte sogar Gelegenheit, meinem „Engel“ persönlich zu danken. Es hat ihn besonders gefreut, dass die Uhr sofort wieder zu mir zurückkommt und gar nicht erst in einer Fundstelle landet. Er möchte keinen Finderlohn, denn er hat das gerne gemacht!

Ich habe aber seinen Namen und werde in den nächsten Tagen noch einmal zur Fischer-Vroni gehen … 😉

Danke Bild

Vorhersehbarkeit ODER Hätte Julia Roberts lieber mit dem Concierge durchbrennen sollen?

Ich bin ein romantischer Mensch. So wie jeder, der gerne über Dinge liest oder Filme anschaut, die sein Herz berühren.
Und was berührt unser Herz am meisten? Natürlich die Liebe in all ihren Facetten und Formen.
Außerdem habe ich Happy End gebucht. Ich finde es schön, wenn zwei „sich kriegen“, egal, in welcher Beziehung sie zueinanderstehen. Bücher oder Filme, die mich traurig, unbefriedigt oder im Unklaren zurücklassen, machen mir keine Freude. Ebenso wie – für mein Empfinden – unnötige Gewaltszenen, die eingesetzt werden, um eine dünne Story aufzupeppen.
Ich weiß zu viel über die Macht einer positiven Geisteshaltung, um mich von Lektüre oder Filmen herunterziehen lassen zu wollen. Das bedeutet nicht, dass man nur Heidi oder Ponyhof lesen oder gucken muss. Oder die Werke meiner weltberühmten Kollegin Rosamunde P..
Es gibt so viele wunderbar durchdachte, sehr intelligente Stoffe und Storys, an deren Lösung man als Leser oder Zuschauer genüsslich teilhaben kann.
Auch wenn man natürlich längst geahnt hat, in welcher Richtung der Hase läuft, bzw. welche Zwei sich kriegen. Und wer weiß das nicht beim ersten Auftritt der Hauptprotagonisten? Das sind meistens zwei optisch zusammenpassende bis gutaussehende, aber kantige Persönlichkeiten, die sich durch wachsende Zuneigung gegenseitig rundschleifen.
Um diesem Prozess beizuwohnen, geht es in den Geschichten. Und natürlich muss das Geschehen spannend sein. Bis zum Schluss. Der Weg ist auch hier das Ziel und der sollte einen fesseln, durch den gesamten Stoff hindurch.

Ein häufig gebrauchter Ausdruck für die Bewertung einer Buch- oder Filmhandlung ist Vorhersehbarkeit.
Sie wird in Kritiken oder Rezensionen gerne als Kriterium verwendet, um einen Roman oder einen Film zu beurteilen. Vorhersehbarkeit führt dabei ganz klar zur Abwertung, wird zumindest ein wenig tadelnd erwähnt, auch wenn der Stoff insgesamt sehr gut gefällt.
Aus meiner Erfahrung ist daran besonders interessant, dass dieselbe Geschichte von Lesern häufig als „vorhersehbar“ und „nicht vorhersehbar“ empfunden wird. Das hängt offenbar mit der Intuition und den romantischen Bedürfnissen der geneigten Leser oder Cineasten zusammen. Geschmackssache eben.

Als glühender Fan der alten Columbo-Krimis, die alle nach demselben Strickmuster gefertigt waren, kann ich das nicht nachvollziehen. Fast ausnahmslos wurden dort die Verbrechen gleich am Anfang und vor laufender Kamera begangen. Man wusste also die ganze Zeit über, wer der Mörder war. Aber das tat der Spannung keinen Abbruch, im Gegenteil.
Für mich ist es wesentlich aufregender, etwas zu wissen und zu „leiden“, bis es die Protagonisten endlich auch wissen, als mit ihnen zusammen im Unklaren zu tappen, bis dann am Ende eine Überraschung die Situation auflösen muss, die dann oft wirkt wie aus dem Hut gezaubert …
Aber das ist eben auch Geschmackssache, wie alles im Leben.

So wünsche ich Euch Bücher und Filme, die Euren Geschmack mitten ins Herz treffen!

Eure Sybille

P.S.: Ich persönlich hätte es nicht gerne gesehen, wenn Julia Roberts in Pretty Woman mit dem Concierge oder dem Liftboy durchgebrannt wäre. Auch wenn der Film dadurch wesentlich weniger vorhersehbar gewesen wäre …

Pretty Woman

Einstimmung auf die Wies’n

Für alle, die es nicht mehr erwarten können, bis Übermorgen die Wies’n anfängt, spendiere ich eine Leseprobe meiner Kurzgeschichte „Gebrannte Mandeln“, die auf dem Münchener Oktoberfest spielt.
Ich wünsche „Gutes Einstimmen“! 🙂

Schon seit jeher hatte ich den Duft von gebrannten Mandeln geliebt. Diese verheißungsvolle, süße Verlockung aus Karamell, Vanille und Zimt betörte meine Sinne jedes Mal aufs Neue und löste wahre Glücksgefühle in mir aus.
Wie auch an dem Tag, an dem ich mit meinen beiden Kindern und meiner Freundin Lissy spontan in die Innenstadt von München fuhr, um das Oktoberfest zu besuchen. Mein Mann Robert war als freiberuflicher Fotograf immer sehr viel unterwegs. Er wollte für diesen alljährlichen Familienausflug eigentlich längst wieder aus Kalifornien zurückgekehrt sein. Wie schon so oft hatte er es aber nicht geschafft, rechtzeitig mit seinen Aufträgen fertig zu werden. Besonders unsere Jüngste, Marie mit ihren sieben Jahren, war darüber sehr enttäuscht.

Wir waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Landkreis gekommen und hatten uns gerade durch die Menschenmassen am U-Bahnsteig Theresienwiese gekämpft. Endlich hatten wir wieder den freien Himmel über uns – und richtiges Glück mit dem Wetter. Das Licht leuchtete mild und golden, wie man es hier nur im Spätsommer oder Frühherbst erleben kann.
Um dem erdrückenden Besucherstrom auszuweichen, bewegten wir uns vorwiegend durch die wesentlich ruhigeren Seitengassen. Unser Ziel war die Oide Wies’n, der traditionelle Teil des Oktoberfestes, der noch nicht zum Ballermann verkommen war. Dort sollte es angeblich weniger überlaufen sein, aber allein der Weg dorthin war bereits brechend voll.
Eine etwa 50-köpfige Gruppe japanischer Touristen hatte sich uns von hinten genähert und umhüllte uns kurzzeitig wie ein gewaltiger Fischschwarm, bevor dieser uns an dessen Ende wieder ausspuckte. Sie alle waren in Pseudo-Tracht gekleidet, wie man sie vorwiegend in der Nähe des Hauptbahnhofs und touristischer Sehenswürdigkeiten zu kaufen bekam: jene Art von billigsten Wegwerf-Dirndln und Einmal–Lederhosen, wie Lissy und ich diesen textilen Abklatsch unserer einstigen Kultur zu nennen pflegten. Doch sicher würden wir uns in Japan auch nicht anders verhalten, wenn es darum ginge, dort ein einziges Mal ein Fest mitzufeiern.

Ein bestimmter, verführerischer Duft stieg mir in die Nase und hypnotisierte mich regelrecht. Ich führte unsere kleine Gruppe ohne weitere Umwege zu dessen Quelle: eine winzige Bretterbude, in der Zuckerwatte und alle möglichen Sorten von gebrannten Nüssen hergestellt und verkauft wurden. Lissy, Marie und David bestellten jeder einen riesigen Ballen Zuckerwatte, in die sie sogleich ihre strahlenden Gesichter versenkten. In meine Hand schmiegte sich nur eine warme kleine Tüte mit Mandeln, überzogen mit jener bräunlich rosafarbenen Zuckerkruste, die mir wie eh und je vorzüglich schmeckten. Jede einzelne war mir eine Kostbarkeit. Der Ausflug hatte sich für mich jetzt schon gelohnt.

Eingebettet in den Besucherstrom bewegten wir uns mit kleinen Schritten voran.
»Löööööwennnbrooooiii!«, dröhnte plötzlich das alte Wahrzeichen einer Münchner Brauerei vom Giebel eines Bierzelts aus. Das wollten die Kinder unbedingt noch einmal hören. Wir blieben eine Weile etwas abseits stehen und warteten, bis der riesige braune Löwe, der sich seit meiner Kindheit äußerlich nicht verändert hatte, einen Bierkrug hochhob und ihn sich noch einmal brüllend ans Maul führte.
Als sich beim Weitergehen eine klebrige kleine Hand in meine schob, bemerkte ich erst, dass die Zuckerwatte auch in Maries Gesicht deutliche Spuren hinterlassen hatte. Zur Feier des Tages trug sie ihr neues dunkelblaues Dirndl und dazu eine blaugrüngemusterte Schürze. Mit der altmodischen Zopffrisur, die sie sich von Lissy zuhause noch schnell hatte zaubern lassen, sah sie einfach zum Anbeißen aus! Ich lachte:
»Wenn Ihr fertig seid mit diesem Klebzeug, stelle ich Euch am Besten mal alle unter die Dusche! Das würde sich wirklich lohnen!« Kurz darauf standen wir zum Händewaschen in der Schlange an einer der zahlreichen Toilettenanlagen und warteten darauf, wie die Schafe durch die engen Gänge dort getrieben zu werden. Auf der Rückseite fanden wir uns wieder zusammen und stürzten uns erneut ins Getümmel.

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